„Das Kind
in Ehrfurcht aufnehmen,
in Liebe erziehen und
in Freiheit entlassen“

Rudolf Steiner

waldorfschule-heilbronn-festsaal

Ein krönender Abschluss

Die Kunstfahrt der beiden 12. Klassen in die Toskana

Die Kunst spielt in der Waldorfschule bekanntlich eine herausragende Rolle. Nicht nur wird den künstlerisch-handwerklichen und musischen Fächern eine den anderen Fächern gleichwertige Stellung im Lehrplan eingeräumt, das Künstlerische wird auch als besonderer Wesenszug und integrierter Bestandteil der „Erziehungskunst“ selbst gepflegt. Es versteht sich daher, dass in der 12. Klasse, die als Abschlussklasse den jungen Erwachsenen einen Überblick über alle bisherigen Wissens-, Erfahrungs- und Tätigkeitsbereiche ermöglichen sollte, auch die Kunst einen entsprechenden Stellenwert erhält. Dies geschieht zum einen durch das Klassenspiel, zum andern durch die abschließende Studienfahrt, die als Kunstpraktikum angelegt ist.

Seit Jahrzehnten fahren unsere Schülerinnen und Schüler nach Italien, um sich für etwa zwei Wochen bildhauerisch dem Marmor zu widmen. In einem Gebirgsfluss bei Carrara sucht sich jeder aus den reichhaltigen Abfällen der Steinbrüche „seinen“ Stein aus, den er dann in den folgenden zwölf Tagen bearbeitet. Die Auseinandersetzung mit dem Stein, insbesondere mit dem herrlichen Marmor, führt zu ganz individuellen Erfahrungen, die der schnelllebigen Oberflächlichkeit unserer Konsum- und Medienwelt etwas entgegensetzen, etwas zutiefst Menschliches. Jeder bearbeitete Stein ist einzigartig, ganz gleich ob mehr oder weniger „fertig“ oder „gelungen“ ist er Bild und Offenbarung persönlicher Willensbekundung. Zwölf Tage im Dialog mit dem Stein tastet jeder nach außen und nach innen seine Grenzen ab. Auch die einfachste Form entsteht nicht auf Knopfdruck, sondern wird der Materie in stetiger Kleinarbeit mit Hammer und Meißel abgerungen.

Man kann nicht irgendeine Form in den Stein hineinprojizieren, man muss ihm ablauschen, was er an Möglichkeiten enthält und was er herzugeben bereit ist. Wer selbst mit dem Meißel gearbeitet hat, wird den Gedanken des genialen Michelangelo ein Stück weit mitvollziehen können: „…nur die Hand, die dem Geiste gehorsam ist, dringt zu der Gestalt in die Tiefe.“ Wir kommen hier dem Wesen des Schöpferischen überhaupt auf die Spur. Jeder Mensch ist ein Künstler – dieser oft zitierte Aphorismus besagt nicht weniger, als dass das eigentlich Menschliche in uns zugleich das Göttliche ist, mit dem wir den Schöpfungsprozess fortführen.

 

Einen zweiten Zugang zum Wesen des Künstlerischen bietet die Betrachtung großer Kunstwerke im Rahmen eines kunstgeschichtlichen Seminars. Die Kunstbetrachtung bildet eine Brücke zwischen der gedanklichen Reflexion im Erkenntnisprozess und der künstlerischen Gestaltung. Wer sich betrachtend in ein Kunstwerk hineinfindet wird bemerken, dass hierzu eine andere Art des Denkens nötig ist, als wir in der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft anwenden. Letzteres führt uns von der einzelnen Erscheinung zu allgemeinen Gesetzen und entspricht damit der abstrahierenden Tätigkeit unseres rationalen Verstandes, wie wir ihn gewohnheitsmäßig gebrauchen. Um ein Kunstwerk zu „verstehen“, bedarf es einer Gedankentätigkeit, die sich in die Gestaltbildung hineinschmiegt und die schöpferischen Bewegungen des Künstlers mitvollzieht, eines „gestaltenden Denkens“. Dieses führt nicht zu abstrakten Gesetzmäßigkeiten, sondern in die konkrete einmalige Form, in die individuelle Gestalt eines Werkes, die als geistige Gebärde innerlich erlebbar wird.

Diese Art des Denkens zu üben und zu pflegen ist von unschätzbarer Bedeutung in unserer Zeit und in der Zukunft, die zunehmend von wissenschaftlich-technologischer Rationalität geprägt sein wird. Mit dieser Rationalität kann man das Wesen des Menschen nämlich nicht verstehen, das ja gerade in der individuellen Einmaligkeit besteht. Alle Human- und Sozialwissenschaften, insbesondere auch die Pädagogik, werden sich nur dann zum Segen der Menschheit weiterentwickeln, wenn sie mehr und mehr eben jenes gestaltende Denken in ihre Arbeitsweisen mit einbeziehen.

Im Wechsel zwischen Steinarbeit, seminaristischer Reflexion und Kunstbetrachtung vor Ort, am konkreten Original, tauchen die Jugendlichen so tief und umfassend in die Erfahrung des Künstlerischen ein wie nie zuvor. Und wo sollte sich dieser Dreischritt reicher gestalten und leichter verwirklichen lassen als an jenem kulturellen Quellort, der zum Inbegriff der „Renaissance“, der Geburtsstätte des neuzeitlichen Individualismus geworden ist: in Italien, insbesondere den norditalienischen Städten. „Die Stadt ist wie eine Blume“, schreibt Hermann Grimm über Florenz, „die in dem Momente, wo der Trieb des Wachstums am vollsten war, statt zu verwelken gleichsam in Versteinerung überging.“ Die wunderbare Aufgabe der Kunstbeobachtung ist hier aber zugleich eine enorme Herausforderung für Lehrer und Schüler, ist doch gerade diese Stadt aus den genannten Gründen einem Touristenansturm ausgesetzt, den sie kaum noch bewältigen kann. Allein das mehrmalige Zählen der 44 Schülerinnen und Schüler war eine nervenaufreibende Aufgabe, für die wir Pädagogen aber immer wieder entschädigt wurden, wenn wir erleben durften, wie vielfach reges Interesse und tiefbewegtes Staunen vor den Kunstwerken geweckt wurden. An Orten, wo einigermaßen Ruhe und Konzentration herrschte, gelang dies am ehesten, am wenigsten leider in der „Accademia“ vor dem „David“ Michelangelos, der vom Lärm des Besucheransturms überdeckt wurde. Dank akribischer Planung und gründlicher Vorarbeit konnten wir unsere Ziele dennoch weitgehend verwirklichen und reiche Erfahrungen sammeln, die wir dann zuhause weiter vertieften.

 

Zuhause, das ist ein großes klösterliches Anwesen mit eigener Kirche und zwei liebenswürdigen Nonnen als Nachbarn, das Ganze in einem riesigen Olivenhain gelegen. Auch das Wetter war uns gewogen, nicht ein Tropfen Regen in zwei Wochen, da hatte mancher aus der Crew schon anderes erlebt. Dennoch machten Erkältungen und natürlich der Heuschnupfen die Runde, was aber die Gesamtstimmung nicht im geringsten trübte. Zur "Crew" gehörten: Frau Apostol, unsere frühere Musiklehrerin, die sich „nebenberuflich“ als hervorragende Köchin und Hauswirtschafterin betätigte, unterstützt von Frau Koffend, Mutter aus der 12a. Unsere beiden Bildhauer und Kunstlehrer waren Katharina Ott, eine ehemalige Schülerin unserer Schule, die selbst einmal an einer solchen Italienfahrt teilgenommen hat und danach Bildhauerin wurde, und Michael Schützenberger, der eine Bildhauerschule und -werkstatt besitzt, den „Bildhauerhof Streich“ bei Stuttgart, und außerdem als Kunstlehrer in einer Waldorfschule arbeitet. Ferner die beiden erfahrenen Italienfahrer als Seminarleiter, Herr Meck und Herr Mosmann, und nicht zu vergessen unser ebenfalls erfahrener Busfahrer Herr Greiß, der sich als Schulvater seit vielen Jahren für die Fahrt engagiert und mit einem günstigen und uneigennützigen Service dafür sorgt, dass die Unternehmung noch erschwinglich bleibt. Er fuhr uns dreimal nach Florenz, einmal nach Siena, einmal nach San Gimignano und einmal zum sonntäglichen Ausflug ans Meer – die vielen „Lebensmittelfahrten“ nicht gerechnet.

Natürlich war die Größe der Gruppe auch im Haus für alle Beteiligten eine Herausforderung, Konflikte und – zum Glück kleinere – Unfälle blieben nicht aus. Insgesamt aber wurde das Zusammenleben mit Bravour gemeistert, wobei vor allem die Küchenleitung und die wechselnden Küchendienste hervorragende Arbeit leisteten. Es war eine Freude zu sehen, wie aufmerksam die „Diensthabenden“ für das leibliche Wohl der andern sorgten, gegen Ende waren die Küchenteams eingespielt wie in einem Fünfsternehotel. Dass die Schüler ihre Abschlussfahrt auch auskosteten und gelegentlich unter Schlafmangel litten, gehört bei solchen Fahrten dazu. Dennoch war auf ihre Mitarbeit im Unterricht Verlass und die Seminare, die ja wie die Steinarbeit als reguläre Epoche gewertet werden, fanden bei vielen reges Interesse und Anteilnahme.

Auch das Soziale will künstlerisch bewältigt werden, das kann man bei solchen Gelegenheiten immer wieder erfahren. Und es bedarf eines gewissen „gestaltenden Denkens“, um solch eine Unternehmung durchzuführen. Allen, die an diesem „Kunstwerk“ beteiligt waren, sei hiermit herzlich gedankt, nicht zu vergessen den Eltern, die durch ihren nicht unerheblichen finanziellen Beitrag das Projekt ermöglicht haben.

 

Heinz Mosmann

 

Plan der Italienfahrt 2017

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