„Das Kind
in Ehrfurcht aufnehmen,
in Liebe erziehen und
in Freiheit entlassen“

Rudolf Steiner

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Inklusion und Selbstwahrnehmung - Zum Ausflug der Mitarbeiter

Zugegeben, zunächst war ich skeptisch. Irgendwo in einem Waldstück umherzuirren, schien mir ein wenig sinnvolles Ziel für einen „Mitarbeiterausflug“ und kaum geeignet, zum sozialen Miteinander beizutragen. Als es dann noch hieß, diesmal sei es „keine kulturelle“ Unternehmung wie vormals unsere musealen Besichtigungstouren, war ich völlig demotiviert. Dass ich dann doch mitging, war wohl die Folge eines mehr instinktiven Gemeinschaftsgefühls – zum Glück! Wieder einmal die Erfahrung gemacht: oft wartet das Unbekannte mit überraschenden Erfahrungen auf, die man dann nicht mehr missen möchte.

 

„Eins + Alles“, das „Erfahrungsfeld der Sinne“, ist ein Projekt der „Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Laufenmühle“ im Welzheimer Wald. Die Menschen hier haben auf besonders originelle und kreative Weise die Aufgabe der Inklusion angepackt und dabei eine Fülle geistvoller Ideen verwirklicht. Man hat sich „auf den Weg gemacht, gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit Behinderung zu erreichen“, so heißt es im Jahresprogramm 2016. Und wie uns erzählt wurde, hat man die Schwierigkeiten, in der Gesellschaft die nötige Gegenliebe und Offenheit zu finden, zum Anlass genommen, die Gesellschaft zu sich heranzuholen – mit Attraktionen, insbesondere auch für Kinder, die sich wohltuend unterscheiden von so vielen „Spielparadiesen“, mit denen in deutschen Landen und Wäldern geworben wird. Hier zeigt sich, dass eine liebevolle „moralische Phantasie“, um einen Ausdruck Rudolf Steiners zu gebrauchen, in ihren Ergebnissen viel mehr Menschlichkeit und Sinn zu vermitteln vermag, als die geschäftstüchtigen Freizeitangebote, in denen unsere Kinder und Enkel sich am Wochenende austoben dürfen. Von der Tierpflege bis zum Service im Café-Restaurant mit eigener Kaffeerösterei arbeiten hier die Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich und verantwortlich mit, in vertrauensvoller Gemeinschaft mit einem hochmotivierten und kompetenten Betreuerteam.

 

Das „Erfahrungsfeld der Sinne“ bedeutet ein Doppeltes. Zum einen handelt es sich um ein riesiges Waldareal, durch den ein Pfad zu besonders gestalteten Orten und naturnah konstruierten Gerätschaften führt, die jeweils ganz spezifische, über die Sinne vermittelte, vielfach überraschende Erfahrungen ermöglichen. Schnell bemerkt man allerdings, dass der Begriff „Erfahrungsfeld der Sinne“ viel mehr umfasst als erwartet. Es handelt sich eigentlich um ein „Erfahrungsfeld der Seele“, das in besonderem Maße zum Denken und zu unerwarteten Einsichten anregt. Hier mögen nur zwei Beispiele auf diesem „Pfad der Erkenntnis“ herausgegriffen werden.

 

An einer Stelle des lichten, etwas abschüssigen Waldes wurden wir auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, das wir fast übersehen hätten. An zahlreichen Baumstämmen befanden sich weiße Markierungen, in unterschiedlicher Höhe und anscheinend völlig willkürlich und zufällig angebracht. Wir fragten uns nach dem Sinn und mussten uns eingestehen: es gab wohl keinen. Staunend konnten wir dann jedoch wahrnehmen, wie die Markierungen zusammenrückten, wenn man sich einem ganz bestimmten Ort näherte. Stellte man sich dann genau auf einen eigens markierten Punkt, war die Verblüffung perfekt – war man doch umgeben von einem horizontalen weißen Band, das die lückenlos aneinanderschließenden Markierungen bildeten. Ging man nur ein wenig von diesem Zentrum weg, verwandelten sich die Markierungen schnell wieder in ein völlig ungeordnetes Chaos.

 

Unsere Führerin war erfahren genug, uns die Gedanken nicht vorzugeben. So konnte sich in jedem die Erfahrung in Eigentätigkeit ausweiten. Ist es nicht oft unser subjektiver „Standpunkt“, der uns etwas ganz klar und schlüssig erscheinen lässt, was für andere aber, aus anderer Perspektive betrachtet, keineswegs so deutlich sichtbar ist? Und umgekehrt können wir oftmals Zusammenhänge nicht sehen, weil wir uns nicht in die Perspektive des andern hineinfinden können. Das Wunderbarste aber ist, dass wir uns über die Subjektivität unserer Wahrnehmungsperspektive gegenseitig verständigen können und vielleicht im Gedankengang den gemeinsamen Ort aufsuchen können, an dem wir die Dinge klar sehen. Dazu bedarf es manchmal eines entschlossenen Schrittes, sich mitten hinein zu begeben, ins Zentrum, wo uns ein Licht aufgeht und das vermeintliche Durcheinander sich zu einem sinnvollen Ganzen fügt.

 

Ein anderes Erlebnis war vielleicht noch frappierender. Man kann es teilweise selbst herbeiführen, man braucht dazu nur einen etwa A5-großen Spiegel und einen Partner. Der eine legt sich den Spiegel auf die Nase und schaut nur dort hinein, sodass er die umgebenden Bäume, die nach oben gehen, spiegelverkehrt, also nach unten gerichtet wahrnimmt. Der Partner führt an der Hand. Durch die verkehrte Perspektive entsteht in uns ständig der Eindruck, in einen Abgrund zu gehen. Die Füße tasten vorsichtig, aber der Führer ermahnt, doch mutig voran zu schreiten, man kann sich ja auf ihn verlassen.

 

Langsam entsteht Vertrauen und Sicherheit, obwohl Wahrnehmung und Tun uns auseinander zu reißen scheinen. Tatsächlich sind ja Vorstellen und Wollen immer getrennt und werden auf geheimnisvolle Weise in unserer Seelenmitte verbunden. Darauf wird man jetzt aufmerksam: der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen. Denken und Vorstellen werden von einer unbekannten Macht miteinander verknüpft, die wir „Ich“ nennen. Auf dieser instinktiven Sicherheit beruht unser Selbstbewusstsein, und es gerät völlig aus dem Gleis, wenn diese Einheit gestört wird. Wir versuchen dann zu erfühlen, wie „oben“ und „unten“ zusammenhängen, letztlich müssen wir dem Führer vertrauen, der diese instinktive innere Einheit ersetzt. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Weg eines Blinden, sondern es ist ein Wollen, das in eine andere Richtung geht, als der Blick zu sehen vermag. Eben dies ist die Grundkonstitution unseres alltäglichen Bewusstseins.

 

Die Trennung von Denken und Vorstellen einerseits und handelndem Wollen andererseits ist aber auch eine Voraussetzung für unsere Freiheit. Würden unsere Vorstellungen immer sofort mit einem Handlungsimpuls einhergehen, wären wir lebende Automaten. Auch hier kommt es also darauf an, auf die Mitte aufmerksam zu werden. Solange die Mitte instinktiv bleibt, sind wir nicht wirklich frei. Soweit wir diesen Zusammenhang durchschauen, bringen wir immerhin Licht in das Erfahrungsfeld, auf dem Freiheit verwirklicht werden kann.

 

Man möge hier selbständig weiterdenken. Nicht zu vergessen: das Vertrauen darin, dass der andere weiß, wo es lang geht, ist das Gegenstück zu diesem mehr oder weniger bewussten Vermögen. Auch hier gibt es blindes und sehendes Vertrauen. Ich lasse mich nur von jemandem führen, den ich kenne, dessen Urteil ich schätze und den ich für fähig halte. Schließlich war das Vertrauen so gefestigt, dass der „Verspiegelte“ sogar den Mut hatte, sich durch eine der kunstvoll gezimmerten Holzwirbel führen zu lassen, eine Art Quadratur des Kreises, bei deren Betrachtung allein es einem schon schwindelt.

 

Dass wir das Ganze mit einer köstlichen Mahlzeit beschließen durften, die uns ebenso freundlich serviert wurde wie uns die letzten Strahlen der Sommersonne zulachten, war noch das Sahnehäubchen auf den besinnlich-besonnenen Waldtag. Kann man sich Besseres wünschen? Aber ja! Einen ganzen Tag statt einen halben, oder gar zwei, an selbiger Stelle, die wunderbaren Anregungen für eine gemeinsame geistige „Fortbildung“ in den vorhandenen Räumen nutzend, ein pädagogisches Seminar. Auch das ist natürlich ein subjektiver Standpunkt.

 

Heinz Mosmann

 

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